Rede von Lisa Lucassen zum 3. Branchentreff der freien darstellenden Künste am 8. Oktober 2015

Hallo. Ich freue mich, Euch alle zum Branchentreff begrüßen zu können. Willkommen in der Nische und gut, dass Ihr da seid, um Euch auszutauschen, gemeinsam nachzudenken und Euch zu vernetzen und gegebenenfalls sogar zu verbünden.

Als ich das allererste Mal auf einer Bühne stand, war der Text, der dem Abend zugrunde lag, "Candide" von Voltaire. Ein Text, in dem der Autor sich lustig macht, über seinen optimistischen Kollegen Leibniz, der immerzu von der besten aller möglichen Welten salbadert. Voltaires Text ist ein zynischer Kommentar, es wimmelt von Gewalttaten und Naturkatastrophen. Und so ähnlich, finde ich, ist es in der freien Szene: die äußeren Umstände lassen viel zu wünschen übrig, aber ich würde sie als die beste aller möglichen Szenen beschreiben ohne zu zögern.

Erstmal möchte ich mich vorstellen, damit Ihr wisst, wer hier spricht. Ich bin Lisa von She She Pop. Das klingt wie ein Adelstitel, ist aber die Kurzform von: Lisa Lucassen, Mitglied des Frauen-Performance-Kollektivs She She Pop.

In unseren Stücken, in denen wir oft autobiographisches Material benutzen, stellen wir uns als Beispiel zur Verfügung, an dem sich etwas erkennen lässt über eine gesellschaftliche Situation. Diese Methode möchte ich hier auch anwenden und deshalb kurz erzählen, wie die Geschichte der Arbeitsbedingungen bei She She Pop ungefähr abgelaufen ist.

She She Pop wurde 1993 von Studentinnen am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet. An dem Institut, das ein namhafter, sehr konservativer Kritiker mal als "die Unglücksschmiede des deutschen Theaters" mit ihrem "menschen- und dramenverachtenden Theoriegeschwurbel" bezeichnet hat. Ein schöner Satz, den ich auswendig gelernt habe. Er meinte damit nicht nur uns, She She Pop, sondern auch unsere Freunde und Kommilitonen von Showcase Beat Le Mot, von Rimini Protokoll und ich glaube auch René Pollesch.

1998 haben wir das erste Stück mit einem Budget produziert, wenn man das so nennen will: weil ich mich damals schon für unsere Produktionsbedingungen interessiert habe, habe ich unseren Stundenlohn ausgerechnet. In den drei Probenwochen haben wir pro Person etwa 50 Pfennig in der Stunde verdient. Das ist nicht so geblieben. Viele Jahre haben wir sowohl in Hamburg als auch in Berlin gewohnt und in beiden Städten Einzelprojektförderungen beantragt und ungefähr jedes Jahr ein Stück produziert. Mit diesen Stücken haben wir dann einen kleinen Kreis von koproduzierenden Theatern im deutschsprachigen Raum bereist.

In dieser Phase haben wir den Stundenlohn für administrative Arbeit eingeführt: die mageren Einkünfte, die wir hatten, haben wir innerhalb der Firma umverteilt, damit niemand umsonst Anträge schreiben, Abrechnungen erstellen und Transporter fahren muss, während die anderen Zeit haben, kellnern zu gehen oder im Callcenter zu arbeiten.

Seit 10 Jahren, seit wir eine größere Planungssicherheit haben, durch die jeweils zweijährige Basisförderung, unterhalten wir in Berlin ein Büro und ein Lager. Im Büro sitzt eine Person, die nicht mit uns auf der Bühne steht und die wir respektvoll unsere Geschäftsführerin nennen.

Seit 5 Jahren hat unsere Geschäftsführerin mit dem führen der Geschäfte so viel zu tun, dass wir große Teile unserer finanziellen Belange und unserer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an ein freundliches Kulturbüro ausgelagert haben (das übrigens auch ein Frauenkollektiv ist). Und weil wir so viel unterwegs sind, haben wir seit 4 Jahren auch eine Tourmanagerin. Seit diesem Jahr haben wir eine neue Form der Förderung, nämlich eine vierjährige Konzeptförderung, die eine sehr komplizierte Abrechnung erfordert. Dafür haben wir seit einem Jahr eine Buchhalterin, die bei uns angestellt ist. Die einzige Person im She She Pop-universum, die über einen vertraglich geregelten Urlaubsanspruch verfügt.

Weil wir alle wichtigen Entscheidungen im Kollektiv treffen müssen, treffen wir uns regelmäßig im Büro. Dabei geht es in der Regel nicht darum, Mehrheitsentscheidungen herbeizuführen, sondern Konsens. In diesen Besprechungen fällen wir gemeinsam Entscheidungen über mögliche Zusammenarbeiten mit Institutionen, über die grobe künstlerische Richtung und über die Bezahlung, was immer wieder aufregend ist.

Neben der künstlerischen Arbeit sind alle Mitglieder von She She Pop in AGs mit verwalterischen Aufgaben beschäftigt. Wir haben festgestellt, dass wir zu wenig Zeit haben, um alle alles zu machen, so kommt es zu Spezialisierungen, die aber nicht in Stein gemeißelt sind, sondern gelegentlich wechseln. Es gibt die Finanz-AG, die Presse-AG, das technische Hilfswerk, die Personal-AG, die Geschenke-Beauftragte, die Kontakt-AG, und viele andere kleine Verbünde, die irgendwas erledigen. Der Stundenlohn für all diese Tätigkeiten ist seit diesem Sommer auf dem selben Niveau wie das, was ich verlange, wenn ich draußen in der freien Wirtschaft Interviews abtippe und gilt für alle.

Wir sind in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich gewesen und haben es quasi in die Bundesliga der freien darstellenden Künste geschafft. Wir sind ein Frauenkollektiv, aber ironischerweise ist das Stück, mit dem vor 5 Jahren auch der internationale Erfolg so richtig losging, eines, in dem drei alte Männer auftreten (es handelt sich um unsere Väter, mit denen zusammen wir eine Bearbeitung von Shakespeares König Lear gemacht haben). Unsere Koproduzenten sind über die ganze Welt verteilt, wir touren überall hin, wir gewinnen Preise, wir sind solide gefördert, viel besser kann es nicht werden.

Ihr seht also: hier spricht eine privilegierte Person. Und das in jeder Hinsicht: eine weiße Bürgerstochter, die eine gute Ausbildung genossen hat und dann unverschämtes Glück hatte. Ich habe quasi einen ziemlich festen Wohnsitz in dieser besten aller möglichen Szenen.

Diese Szene ist in der Lage, valide Beschreibungen der Gesellschaft im Spätkapitalismus zu zeigen, weil sie mitten drin ist und damit tagtäglich zu kämpfen hat. Und diese Szene ist in der Lage, utopisch tätig zu sein. Leute wie wir, die wir hier versammelt sind, können Theaterabende (im weitesten Sinne) gestalten, in denen weniger Misogynie und Homophobie herrscht als im Rest der Gesellschaft, in denen mehr Inklusion stattfindet und weniger Diskriminierung, in denen "kleine Themen" verhandelt werden, die von Selbstermächtigung und vom scheitern handeln, vom Fehlen von Ressourcen und von Professionalität.

Ich bin überzeugt, dass jede Produktion ihre Produktionsbedingungen reflektiert. In der freien Szene werden sie generell nicht geleugnet, weil sie sowieso sichtbar sind, z.B. in der Wahl der ästhetischen Mittel. (Es gibt die Mär von einer meiner Kolleginnen, die 1998 auf dem Blog eines Kritikers die Notizen gesehen haben will: "können nicht singen, können nicht tanzen, können nicht rappen". Wir haben uns damals trotzdem dafür entschieden, all das zu tun und angefangen, unseren euphorisch-dillettantischen Stil zu erfinden). Auch die Verteilung der finanziellen Mittel bleibt in jeder Produktion sichtbar. Und natürlich kann man einem Theaterabend ansehen, ob da die Vision einer einzelnen Person ausagiert wird, oder ob ein vielstimmiger Chor möglicherweise widersprüchliche Aussagen macht.

Und wir, diese Szene, sind dabei nicht darauf angewiesen, dass eine große Mehrheit von Kulturinteressierten unsere Formen und Themen für relevant hält. (Es ist natürlich schön, wenn das passiert – aber wenn nicht, ist es eben auch nicht schlimm.) Und dabei genießen wir das Privileg, unentfremdet zu arbeiten. Dafür wiederum zahlen viele von uns einen hohen Preis in den Währungen Selbstausbeutung und fehlende soziale Sicherung.

Bei She She Pop ist das z.B. so: die Phase der Selbstausbeutung haben wir – zumindest für den Moment – hinter uns gelassen. Wir zahlen uns und den Leuten, die mit uns arbeiten, ganz okaye Gagen. Wir sind jetzt Arbeitgeberinnen in einem mittelständischen Unternehmen und beschäftigen eine gar nicht so kleine Anzahl von Leuten. (Ein gutes Messinstrument dafür ist immer unsere jährliche Weihnachtsfeier – ja, sowas gibt es in unserer Firma – zu der alle Leute eingeladen werden, die in dem Jahr für uns gearbeitet haben. auf der Gästeliste stehen 64 Personen). Und zu meiner Schande muss ich gestehen: wir sind Arbeitgeberinnen unter den Bedingungen des Neoliberalismus. Wenn wir z.B. Kostüme brauchen, dann heuern wir eine Kostümbildnerin an. Wenn wir keine Kostüme brauchen, muss sie sehen, wo sie bleibt. Wenn wir ein Kostüm kaputtgemacht haben, bitten wir sie, es ganz schnell zu reparieren oder neu herzustellen. Für die Zeit dazwischen übernehmen wir keine Verantwortung. Das ist das Gegenmodell zu der Arbeitswelt von Stadt- und Staatstheatern, in denen es Beschäftigte in Werkstätten gibt, die sowohl einen Anspruch auf Beschäftigung als auch einen auf Freizeit haben. Unser Modell kann sehr schnell reagieren, es ist wahnsinnig effizient, aber auch knallhart. Ich bin nicht gern Teil von diesem System, aber ich kann es nicht verhindern. Die Verantwortung, die wir als Firma richtig fänden zu tragen, ist zu groß für uns. Es fehlen die finanziellen Mittel, um unseren Ansprüchen zu genügen.

Unseren utopischen Ansprüchen genügen wir nur, während wir Kunst machen. In Proberäumen und auf Bühnen verwirklichen wir unsere Vorstellung von einem Ort ohne Hierarchien, an dem wir die Bedingungen für eine Kommunikation einrichten, die in der restlichen Welt nicht möglich ist. Für die Dauer eines Probenprozesses oder eines Theaterabends scheint dann etwas auf, mit dem wir sehr einverstanden sind, aber dann ist es auch wieder weg.

Und dann stehen wir plötzlich auf einer Geburtstagsparty, da wird ein befreundeter Künstler 50 und erzählt, wie er seine private Rentenversicherung aufgelöst hat, in die er jahrelang jeden Monat 100 Euro eingezahlt hat, die ihm genau genommen gefehlt haben, weil er ausgerechnet hat, dass seine Rente unter Hartz 4-niveau landet, wenn er so weitermacht. Und so entschließt er sich, nicht mehr weiter einzuzahlen, sondern etwas besser zu leben.

Mit diesem ganzen Projekt, als Selbständige in der darstellenden Kunst zu arbeiten, betreten wir gemeinsam gesellschaftliches Neuland. Es ist schier nicht vorgesehen, dass freiberuflich arbeitende Leute eben nicht Ärztinnen, Ingenieurinnen oder Anwälte sind und entsprechend nicht so hohe Einkünfte haben (warum das so ist, wäre nochmal eine ganz andere Frage). Wenn wir nicht vorhaben, richtig arme alte Leute zu werden, ist das eine schöne Stelle zum Nachdenken und politischen arbeiten. Das klingt jetzt ganz schlimm spießig und nach Besitzstandswahrung, aber ich halte es für wichtig, nicht immer so zu tun, als wäre der Aufenthalt in der freien Szene ein vorübergehender Zustand. Über die vergangenen 20, 30 Jahre hat sich herausgestellt: die freie Szene ist nicht so eine Art Baumschule, in der der Nachwuchs für die Arbeit in den Stadt- und Staatstheatern heranwächst, sondern etwas eigenes, wo sich Leute einrichten und bleiben wollen. Und das Schöne daran: dieses neue Land können wir – in einem gewissen Rahmen – so gestalten, dass es gut für uns funktioniert. Und diesen Rahmen größer und größer werden zu lassen, halte ich für eine Aufgabe, die wir erledigen sollten.

Denn: wir sind frei. Zwar einerseits frei von einer hinreichenden finanziellen Ausstattung für alle Bedürfnisse, und das ist blöd. Aber wir sind auch frei von Institutionen, die uns einengen in dem, was wir uns zu denken und zu tun trauen können. Wir sind frei, uns unsere kleine bescheidene Welt als die beste aller möglichen einzurichten. 

Dazu müssen wir hinwegsehen über individuelle Belange, ästhetische Vorbehalte und Partikularinteressen. Wir müssen großzügig sein und solidarisch, denn ganz leicht geht Jemand verloren. Wenn die Gruppe x oder die Choreographin y in irgendeiner Spielzeit keine Produktion macht, dann gibt es erst mal keinen Aufschrei, weil das fehlen von einzelnen Akteuren im Getümmel untergeht und keiner fragt nach. Umso wichtiger ist es für uns als freie Szene, im Austausch zu sein, uns zu treffen, zu vernetzen und zusammenzuhalten. Die Konkurrenz in der freien Szene ist nichts, wovor wir Angst haben sollten. Im Wesentlichen sind das Freunde & Bekannte, die sich das fertige Produkt ansehen, mit denen man vielleicht vorher einen Probenraum, technische Geräte und Fachwissen geteilt hat. Es sind die Leute, mit denen man sich am besten streiten kann. Es ist überhaupt nicht mehr einsam in der Nische. Wir sind viele!

Womit wir wieder am Anfang wären: gut, dass ihr alle da seid.